Faszinierender Umgang miteinander

Veröffentlicht im Würzburger katholischen Sonntagsblatt Nr. 1/1998

Die geistliche Bewegung „Marriage Encounter“ (ME) hilft Eheleuten

Es war an den Tagen zwischen Silvester und dem Fest der Heiligen Drei Könige Anfang 1989. Der Familienbund der Katholiken (FDK) hatte Ehepaare zu einer Bildungs-Freizeit auf die Franziskushöhe in Lohr eingeladen. Paul und Elisabeth May aus Marktheidenfeld nahmen daran teil. Als im Rahmen des Programms ein anderes Paar aus Marktheidenfeld die geistliche Bewegung „Marriage Encounter (zu deutsch etwa: „Tiefere Begegnung in der Ehe“) vorstellte, waren sie fasziniert: „Es hat uns einfach gefallen, wie diese beiden Menschen miteinander umgingen“, berichtet Elisabeth May. „Wir selbst waren schon seit 19 Jahren verheiratet, hatten eigentlich auch eine gute Beziehung, aber wegen unserer beruflichen Arbeit nahmen wir uns kaum je richtig Zeit füreinander. Und bei diesem Paar merkten wir auf einmal: Die standen irgendwie viel näher zueinander als wir.“
Täglich neu Ja sagen
zur Gemeinschaft
Wenig später meldeten die Mays sich für ein ME-Wochenende in Schmerlenbach an. Hier erfuhren sie genauer, wie ME funktioniert: Ein Priester und drei Ehepaare als Team-Leiter berichten den Teilnehmern zunächst von ihren eigenen Erlebnissen und Erfahrungen in dem Bemühen, täglich neu Ja zu sagen zu der Gemeinschaft, in der sie leben. Dann erhalten die Teilnehmer Impulse für stille, persönliche Betrachtungen und für den Austausch mit ihrem Partner: Sie sollen auf sich selbst, auf ihre Lebensgemeinschaft und auf ihre Beziehung zu Gott schauen. Zu diesen Betrachtungen beschäftigt man sich allein zehn oder zwanzig Minuten still mit dem vorgeschlagenen Thema und tauscht sich danach mit dem Partner aus. Auf Wunsch kommt einer der Team-Leiter dazu. Alles aber, worüber die Paare sprechen, bleibt unter ihnen, kein einziges Wort kommt in die große Gruppe.
„Es soll bei diesen Gesprächen vor allem um die Gefühle in der Beziehung gehen“, erklärt Paul May, der zusammen mit seiner Frau nach einigen Jahren auch selbst die Leitung von ME-Wochenenden übernahm. „Es kommt darauf an, die eigenen Gefühle wahrzunehmen, auszudrücken und damit umzugehen. Die Gefühle selbst sind ja weder gut noch schlecht – nur die Art, wie wir damit umgehen, ist gut oder schlecht. Wenn wir aufmerksam sind für das eigene Empfinden und für das des anderen; wenn wir richtig einander zuhören und auch ab und zu mal nachfragen, um genau zu verstehen, was der andere meint, dann kommen wir besser klar mit unseren Gefühlen und dann geht auch der ganze Alltag in der Beziehung leichter.“ Elisabeth May fügt hinzu: „Es sind ja gerade die unausgesprochenen Gefühle, die uns das Leben schwer machen.“
Die Liebe Jesu Christi im
Miteinander verinnerlichen
Um die eheliche Beziehung wirklich in den Mittelpunkt des Lebens zu stellen und um in einer Art ehelicher Spiritualität die Liebe Jesu Christi im täglichen Miteinander zu verinnerlichen, werden bei ME drei Wege als wertvolle Hilfe angesehen: das regelmäßige Gespräch, die Selbst-Mitteilung in Zärtlichkeit und Sexualität und zum dritten das gemeinsame Gebet.
Entwickelt wurde „Marriage Encounter“ in den sechziger Jahren von dem spanischen Jesuiten Gabriel Calvo und seinem amerikanischen Mitbruder Chuck Gallagher. 1979 kam die Bewegung nach Deutschland. Bisher hat sie sich in über 60 Ländern auf allen Kontinenten ausgebreitet. Eine Besonderheit von ME: Es wendet sich nicht nur an Ehepaare sondern auch an Priester. Ehe und Priestertum werden gleichermaßen als Beziehungs-Sakramente gesehen - Ehe als Sakrament der Beziehung zwischen zwei Menschen und das Priestertum oder auch das Ordensgelübde als Sakrament der Beziehung zwischen einem Menschen und Gott. ME versteht sich als Gemeinschaft zur Erneuerung dieser Sakramente. Es will dem Einzelnen dabei helfen, das einmal vor Gott, der Gemeinde und dem Partner oder dem Bischof gesprochene „Ja“ täglich neu bewußt zu machen und so eine immer wieder erneuerte und stets lebendige Beziehung zu erfahren.
So können an den ME-Wochenenden Eheleute, Priester und Ordensleute gleichermaßen teilnehmen. „Zu Priestern hatte ich früher eigentlich eher ein etwas gemischtes Verhältnis“, gesteht Elisabeth May. „Aber bei diesen Wochenenden habe ich sie als Menschen kennengelernt und gesehen, was auch sie für Nöte haben, genauso wie wir. Und wir haben gelernt, auch als Ehepaare für die Priester da zu sein.“
Feierliche Erneuerung
des ehelichen Versprechens
Jeweils zum Abschluß eines ME-Wochenendes gibt es einen Gottesdienst mit der feierlichen Erneuerung des ehelichen beziehungsweise des priesterlichen Versprechens. Wer nach einem solchen Wochenende seine Erfahrungen noch weiter vertiefen will, kann sich in kleinen Gruppen regelmäßig mit anderen Paaren zum Austausch, zur Ermutigung und zu gegenseitiger Unterstützung treffen. Vier solche ,,Dialoggruppen“ gibt es im Bistum Würzburg. Bei der Kiliani-Woche 1996 stellte sich zusammen mit anderen geistlichen Gemeinschaften auch Marriage Encounter im Würzburger Burkardus-Haus einem breiten Publikum vor. „Damals“, berichtet Paul May, „sagte auch Bischof Paul Werner, er kenne Marriage Encounter und halte die Gemeinschaft für empfehlenswert. Und er würde sich wünschen, daß auch viele Priester sie kennenlernten.“
Kontakt zu Marriage Encounter findet man im Bistum Würzburg bei: Elisabeth und Paul May, Am Lauterpfad 16, 97828 Marktheidenfeld, Telefon: 09391/2117.
Konstantin Zimmer

Veröffentlicht im Würzburger katholischen Sonntagsblatt Nr. 1/1998

Neu verliebt unter Gottes Auge

Veröffentlichung aus dem Pfarrblatt für das Fürstentum Liechtenstein

Marriage encounter: ein geistlicher Weg für Eheleute und Zölibatäre

Kann ich mich in meine Ehefrau/meinen Ehemann auch nach einigen, mehreren, vielen Ehejahren wieder neu verlieben? Ja, meinen nicht wenige Paare, die einmal ein Wochenende bei «Marriage encounter (ME)» mitgemacht haben. Diese geistliche Bewegung innerhalb der katholischen Kirche bietet Eheleuten Kurzseminare an, in denen sie ihr gemeinsames Leben als Paar vertiefen können. Und für viele Eheleute, deren Miteinander im Trott der Alltäglichkeit dahin plätscherte, wurden diese Tage der neue Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Zwei Ehepaare und ein Priester leiten meist diese Wochenenden und laden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dazu ein, sich gegenseitig besser kennenzulernen. Der heilsame Tipp von ME: Schreibt euch wieder einmal Liebesbriefe. Für die einen oder anderen mag das etwas befremdlich sein, aber wenn frau oder mann sich darauf einlassen, machen viele die Erfahrung, dass gerade auf diesem Weg Dialoge möglich werden, die sie sich immer schon gewünscht haben, jedoch nie verwirklichen konnten. Unbegründet ist indes die Angst, dass sehr persönliche Eheerfahrungen in die Runde getragen werden. Was geschrieben und von den Eheleuten zu zweit diskutiert wurde, das bleibt beim Paar und wird nicht im Plenum vorgetragen. Allein die Leiter berichten hier von ihren Erfahrungen.
Dabei ist ME nicht nur ein höchst produktiver Lernort für Eheleute, auch Priester und Ordensleute sind herzlich eingeladen sich einzubringen. Und die Erfahrung zeigt, dass sich in vielen Fragen Zölibatäre und Eheleute hervorragend ergänzen. Das Miteinander unter den Ordensleuten oder zwischen Priester und Pfarrgemeinde ist so unendlich verschieden nicht vom ehelichen Leben, wenn auch die Priester und Ordensleute bei «Marriage encounter» das bewusste «Ja» zum ehelosen Leben genauso vertiefen wollen wie die Eheleute ihr «Ja» zum Partner.
Grundlegend für solche Vertiefung sind vor allem drei Momente: «Gott baut keinen Mist – seine Schöpfung ist gut. Darum kann ich mich selbst und auch meinen Partner und meine Mitmenschen wirklich annehmen.»
«Gefühle, seien sie nun positiv oder negativ, existieren und das müssen wir zunächst einmal wahr- und annehmen. Wir sind ihnen aber nicht ausgeliefert, sondern können und müssen entscheiden, wie wir sie angehen.» So ist Lieben immer auch und vor allem Entscheidung. Gerade dies ist eine unschätzbare Hilfe, Wüstentage in Ehe, Familie und zölibatärem Leben durchzustehen.
Vor allem aber bekennt «Marriage encounter», dass Gott selbst ganz besonders mit den Eheleuten und Zölibatären ist. Ehe und die freiwillige Ehelosigkeit sind immer auch Entscheidungen für Gott, der sich den Menschen geschenkt hat und immer wieder neu schenkt. Aus diesem Grund spielt auch die hl. Messe eine wichtige Rolle bei dem «Marriage encounter»-Wochenende.
Freilich: Das Defizit an geistlichen Berufungen wird gerade auch bei ME als beklemmend empfunden. Immer weniger Priester können als Begleiter gewonnen werden. Das Interesse von Eheleuten an Wochenenden ist indes ungebrochen.
Und bei einem einzigen Wochenende muss es denn auch nicht bleiben – die Gemeinschaft regt an, weiterhin mit anderen Ehepaaren und Zölibatären im Gespräch zu bleiben. Denn auch wenn die persönlichen Dinge unter den Eheleuten ganz persönlich ausgemacht werden sollen, das herzliche Miteinander mit anderen Ehepaaren und Zölibatären– und dazu gehören auch gemeinsames Gebet und gemeinsames Feiern – ist eine unschätzbare Stütze für ein gelingendes Ehe- und zölibatäres Leben.
Raymund Fobes

(Aus dem Pfarrblatt für das Fürstentum Liechtenstein „IN CHRISTO“, Ausgabe 13/14/15-2001)

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Diese Seite wurde zuletzt am geändert am Montag, 30. Juli 2001